Wall verstrahlt
Potsdamer Platz
Berlin
Hier kannst du deine Traurigkeit vergessen,
in meinem Superirrenhaus.
Norbert Kaiser (Karat)
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen gemütlich in einem Straßencafé am Kurfürstendamm. Plötzlich bricht eine Flut von tausenden von Stimmen über sie herein.  Von allen Seiten tönt es: "Cool!!" und "Geil!!" und "Ääächt??". Jemand bewirft Sie mit hunderten von Pornobildern. Ein Anderer drückt Ihnen hunderte von Werbezetteln mit aktuellen Schnäppchen-Preisen in die Hand. Und über Ihren Kopf wird ein Kübel voller Börsenkurse ausgeschüttet. Eine absurde Vorstellung?

Leider nicht. Nur, daß all diese Reize nicht in Form von Bildern oder Lauten, sondern als unsichtbare, laut- und geruchslose Strahlung auf Ihren geschundenen Körper prallen.
Ich bin der Führer vom Panoptikum.
Norbert Kaiser (Karat)
Ermöglicht wird diese gigantische Umweltverschmutzung durch ein Unternehmen, das sich bisher eher mit der Entsorgung menschlicher Fäkalien in der Hauptstadt einen Namen gemacht hat: die WALL AG, Hersteller von sogenannten "Stadt-Möbeln", also Klos und allen möglichen absonderlichen Objekten, die sich zum Anbringen von Werbung eignen.

Wie offenbar alle Unternehmer hatte auch Junior-Chef Daniel Wall eine "Vision". In seinem Fall bestand sie darin, das "angestaubte West-Berliner Shopping-Paradies" Kudamm zu einer "intelligenten Shopping-Meile" zu machen. Zu diesem Zweck hat die Wall AG den Kudamm in "einen riesigen, öffentlichen Hotspot verwandelt". Ein "Hotspot" ist ein Ort, an dem alle Menschen gnadenlos bestrahlt werden, damit einige wenige, die das wollen, drahtlos im Internet surfen können.
Ich bin das Geld, das euch regiert.
Ich bin das Eis, das euch erfriert.
Ich hab mein Feld mit List bestellt.
Und seit es mich gibt, bin ich der Liebling der Welt.
Herbert Dreilich / Norbert Kaiser (Karat)
Daß es der Wall AG dabei nicht ausschließlich und in erster Linie darum geht, Bürgern einen kostenlosen Internet-Zugang zu verschaffen, versteht sich wohl von selbst. Ihr geht es um nichts weniger als "die Zukunft Berlins", um eine "neue, mobile Stadtkultur" und um die "große Freiheit", von der "die Leute immer geträumt" haben. Und die sieht so aus:

Der Passant bekommt die Angebote von Läden, welche die Firma Wall für diese Dienstleistung bezahlt haben, auf sein Handy geschickt. "Im Geschäft braucht man dann nur noch das Handydisplay vorzuzeigen. Die Kommunikation zwischen Händlern und Kunden wird dadurch viel einfacher."

So ungefähr stellen wir uns Kommunikation in psychiatrischen Anstalten vor.

Und was für Angebote erwarten uns da? Nun, die von Edelboutiquen, Einkaufszentren, "After Work Lounges", "coolen Strandbars", Golfplätzen, "nagelneuen Großparkplätzen", Luxushotels, dem "angesagten Sage Club" - das übliche Angebot für hirnlose Konsumenten also und Yuppies, die auf dem Weg "vom Ku'damm zum neu eröffneten Edel-Italiener" ohne Anleitung von Wall infolge Hirnverstrahlung schon mal die Orientierung verlieren können.
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß.
Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich weiß.
Manchmal bin ich schon am Morgen müd'.
Helmut Richter (Karat)
Um dieses Angebot an den Menschen zu bringen, hat Wall ein komplettes "digitales Stadtinformationsnetz" aufgebaut, das er "bluespot" nennt, bestehend aus "46 bluespot Terminals" - 13 davon am Kurfürstendamm, zehn am Flughafen Tegel und der Rest am Potsdamer Platz und den In-Locations in Mitte. Wie alle Wall-Produkte sind diese Terminals "hervorragend von Rollstuhlfahrern zu benutzen", denn durch die Strahlenbelastung ist wohl mit einer steigenden Zahl von Rollstuhlfahrern zu rechnen.

Bei der Strahlung dieser WLAN-Hotspots handelt es sich nämlich um eine gepulste Strahlung ähnlich der Mobilfunkstrahlung mit ihren inzwischen sattsam bekannten Gesundheitsrisiken. Zwar wird die Strahlungsintensität bei WLAN natürlich als "gering" eingeschätzt, doch kommt sie zu der ständig steigenden Belastung aus unzähligen anderen Quellen hinzu, und Anwohner wie Beschäftigte sind ihr permanent ausgesetzt.
bluespots
Blue spots
Insgesamt gibt es laut Wall "ungefähr 600 kabellose Internetzugangspunkte" in Berlin, womit die Stadt - wie auch beim Krankenstand - Spitzenreiter in Deutschland ist.
Sie fahren endlos, sie fahren zeitlos,
sie fahren traumlos dahin.
Norbert Kaiser: Das Narrenschiff (Karat)
Und was tun die Behörden und Politiker, um diese Massenverstrahlung des öffentlichen Raums durch einzelne Profiteure zu verhindern? Richtig: sie erinnern sich an Artikel 2 des Grundgesetzes, der jedem Menschen ein Recht auf körperliche Unversehrtheit zubilligt, und ihre Verpflichtung, Schaden vom Volk abzuwenden, und unterbinden den Wahnsinn.

Doch halt, das haben wir wohl nur geträumt.
Manchmal wünsch' ich mir mein Schaukelpferd zurück.
Helmut Richter (Karat)
Auch Nicht-Unternehmer haben manchmal Visionen. Ich hatte neulich folgende:

Beim "Shoppen" war ich auf dem Kudamm zusammengebrochen. Übersät mit blauen Flecken schleppte ich mich in einen Laden. Ich streckte dem Verkäufer mein Handy entgegen. Auf dem Display stand: "HILFE!" Der Verkäufer saß im Rollstuhl, auch er übersät mit blauen Flecken. Er streckte mir ebenfalls sein Handy entgegen. Auf seinem stand: "FREIHEIT BEDEUTET HEUTE UNTERWEGS SEIN - ABER OHNE DABEI AUF DIE MODERNEN ANNEHMLICHKEITEN ZU VERZICHTEN." Ich mußte mich übergeben. Da beugte der Verkäufer sich vor und zog mir meine letzten Pfennige aus der Tasche. Dann verschied er.
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© 2005 Der Autor