Der Christus
H&M-Christus
vom Breitscheidplatz
Unrasiert und in schlecht sitzenden Klamotten, wie aus einem billigen Hollywood-Film geklettert, hängt er am Breitscheidplatz in Berlin überlebensgroß an der Wand.

Direkt gegenüber eine weitere, diesmal ins Dreidimensionale aufgeblähte Plakatwand: der blau verkleidete Klotz der O2-Kirche, ehemals Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Wie es dazu kam, daß die von Berlinern und Touristen einst gleichermaßen geschätzte Gedächtniskirche unter den Augen des Christus vom Breitscheidplatz plötzlich zur O2-Kirche mutierte, soll hier kurz erläutert werden.
Gedächtniskirche
Zunächst ist zu sagen, daß "O2" hier trotz aller Bläue nicht für das chemische Element Sauerstoff steht, sondern - eher im Gegenteil - für einen Mobilfunkanbieter, der sich mit dem Transport von menschlichem Geschwafel durch den strahlenverseuchten Äther eine goldene Nase verdient.

Die evangelische Kirche hingegen, die angetreten war, das Wort Gottes in die Welt hinaus zu tragen, war so gut wie pleite.

Als die Sanierung ihrer Gedächtniskirche anstand, war es für sie deshalb "ein wahrer Glücksfall", daß "Außenwerber" sich im "aktiven Denkmalschutz", wie "das business & people magazin" [sic!] w&v es nennt, "engagieren".

Zum Retter erkor die Kirche sich die Berliner Wall AG, die selbstverständlich zuschlug, denn schließlich gehört es zur "Premiumstrategie" der Firma, so deren Pressesprecherin in feinstem Werbe-Blabla, den Kunden "ständig neue Highlights auf absoluten Top-Standorten" zu bieten, und "der emotionale Wert einer Kirche" ist, wie der Geschäftsführer einer anderen Werbeagentur meint, nun mal "durch nichts zu toppen."

Der Gemeindekirchenrat verkaufte also der Wall AG das Recht, seine Kirche mit "Riesenpostern" zu verhüllen. Auf einer Fläche von schlappen 2075 Quadratmetern (!) darf Wall nun mit Unterstützung der evangelischen Kirche durch Anbringen dümmlicher Werbesprüche einen Beitrag zur weiteren Verblödung der Menschheit leisten. Für Daniel Wall, den Lesern dieser Seiten vielleicht aus anderem Zusammenhang bekannt, ist dies eine "klassische Win-Win-Situation". Wall gewinnt Werbeeinnahmen, die Bürger gewinnen wieder Abstand zu ihrer Stadt, die sie fast schon zu lieben begonnen hatten. Und die evangelische Kirche beweist einmal mehr, daß sie der totalen Kommerzialisierung aller Lebensbereiche in unserer Gesellschaft nichts entgegenzusetzen hat und ihre durch Mitgliederschwund bedingte Geldnot somit nicht von ungefähr kommt.

Die Werbeindustrie sieht die weitere Entwicklung des Geschäfts mit den "baufälligen, ramponierten Schmuckstücken", wie sie die Objekte ihrer Gier ironisch-abschätzig nennt, optimistisch. Sie hofft darauf, daß bald "die öffentlichen Kassen noch leerer sind und denkmalgeschützte Gebäude in sich zusammenfallen" (Werner Döker, geschäftsführender Gesellschafter des Riesenposter-Marktführers BlowUp Media). Dann werden wir uns wohl nur noch in den virtuellen Welten bewegen können, die die aufgeblasenen Werbeleute für uns aufgebaut haben.
Nachtrag:
Inzwischen ist der männliche Christus am Breitscheidplatz offenbar durch ein Weibchen ersetzt worden. Der Berliner Zeitung, den Lesern dieser Seiten vielleicht aus anderem Zusammenhang bekannt, ist diese Neuigkeit ein großformatiges Foto auf der Titelseite des Lokalteils wert:
Berliner Zeitung
Die Zeitung findet, daß diese Reklame "eines schwedischen Bekleidungshauses" "schön rot leuchtet". Der Schriftzug H&M ist auf dem Foto selbstverständlich deutlich zu erkennen. Und als ob das noch nicht reichte, bekommt der Leser auch noch expressis verbis unter die Nase gerieben, für was da geworben wird: für "eine Kollektion der Londoner Schmuckdesignerin Solange Azagury-Partridge".

Für die Werbeleute und ihre Auftraggeber dürfte diese Aktion damit wohl optimal gelaufen sein.
Nachtrag 2: Wie durch ein Wunder!
Gestern, am 23.11.05, hatte uns die Lokalredaktion der Berliner Zeitung völlig uneigennützig vorgeschwärmt, was für eine Bereicherung das neue Riesenposter von H&M für die Berliner Stadtlandschaft darstelle.

Heute nun liegt - wie durch ein Wunder - das nämliche Motiv - eine etwas nuttige junge Dame, die, wie man erfährt, einen "Ring mit Glitzerkugel" [sic] zum Preis von EUR 19,90 trägt - in Form eines mehrseitigen Werbeprospekts im 34 x 56 cm King-Size-Format der Zeitung bei.

Wir erinnern uns: die Berliner Zeitung ist diejenige Zeitung, die sich noch im November 2004 darüber echauffiert hatte, daß das Berliner Konkurrenzblatt "Der Tagesspiegel" fast die gesamte Titelseite einer Ausgabe "an die Firma H&M verkauft" hatte.

Wer die weitere Entwicklung bei der Berliner Zeitung hinsichtlich innovativer Werbestrategien, wie sie z. B. von H&M bekanntermaßen gepflegt werden, live mitverfolgen möchte, dem sei empfohlen, jetzt das Blatt zu abonnieren.
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© 2005 Der Autor