Die westdeutschen Politiker hingegen, die nun Herren über ganz Deutschland waren, blickten nach Osten und sahen dort neben Landschaften im Vorstadium des Erblühens die Relikte des überwundenen totalitären Regimes, die es nun galt, durch Symbole der siegreichen freiheitlichen Demokratie zu ersetzen.
Dumm war nur, daß der von 1973 bis 1976 von einem Kollektiv unter der Leitung von Prof. Heinz Graffunder als "Volkspalast" mit Cafés, Restaurants, einem Theater, ja sogar Kegelbahnen gebaute Palast mit seiner Offenheit und Eleganz (das Foto oben zeigt ihn nach Beginn der Zerstörung) einfach nicht bedrückend genug wirken wollte, um zum Symbol für den verhaßten Unterdrückungsstaat zu taugen. Hier half jedoch 1990 die Entdeckung der Asbestverseuchung, etwaige Bedenken gegen einen Abriß zu zerstreuen.
DaimlerChrysler Sucht man nun nach überzeugenderen Beispielen brutaler Architektur in Berlin, so wird man unschwer andernorts fündig.
Während sich nämlich die meisten - einschließlich der Politiker - noch verwundert die Augen rieben über das, was da 1989 geschehen war, saßen in den Chefetagen der großen Konzerne bereits die Mächtigen zusammen und verteilten unter sich die Filetstücke an Grund und Boden im zukünftigen Zentrum Gesamtberlins. Besonders das Brachland, das sich "Potsdamer Platz" nannte, hatte es ihnen angetan.
Zum Zuge kamen vor allem der Unterhaltungskonzern Sony und der Blechkistenkonzern Daimler-Benz.
Sony errichtete auf seinem Gelände ein Gebilde um eine Art Zirkuszelt aus Glas und Metall, das wohl am besten als "Techno-Kitsch" zu beschreiben ist. Des Nachts erstrahlt es in bonbonfarbenem Licht, und in seinem Inneren feiert es sich selbst auf überdimensionalen Monitoren.
Daimler entschied sich für Klötze von bemerkenswerter Grobheit und Einfallslosigkeit, die wohl widerspiegeln, wie der erfolgreiche Manager und Daimler-Fahrer sich selber sieht.
Beiden Komplexen gemeinsam ist ihre Absicht, den Betrachter zu erniedrigen. Wer sich hierher verirrt, fühlt sich unweigerlich klein. Ihm bleibt praktisch nichts anderes übrig, als ehrfurchtsvoll zu den großen Göttern Sony und Daimler aufzublicken.
Und genau darin unterscheidet sich die Architektur um den Potsdamer Platz grundlegend vom ehemaligen Palast der Republik, der trotz aller Größe irgendwie doch nach menschlichem Maß gemacht zu sein schien, und in dessen warmtoniger Spiegelfassade sich der Betrachter vielleicht sogar selbst wiederfinden konnte.
Heute wird der Potsdamer Platz fast ausschließlich von Touristen besucht, namentlich Schülergruppen aus der Provinz, die den Gestank des Geldes, den man dort riecht, wohl für den Duft der großen weiten Welt halten. Oder sind sie Masochisten?
Bundeskanzleramt Verglichen mit dieser peinlichen Demonstration der Macht der Konzerne am Potsdamer Platz wirkt das 1997 bis 2001 für Helmut Kohl, den "Kanzler der Einheit", gebaute Bundeskanzleramt trotz aller Unzugänglichkeit fast schon erfrischend konfus. "Hier herrscht absolute Zweckfreiheit! Hier residiert ein wirrer Geist!", scheint dieses Gebäude dem Betrachter zuzurufen.
Und die 1994 von dem Briten Norman Foster gebaute gläserne Kuppel auf dem Reichstag - erinnert sie nicht bei aller Häßlichkeit in ihrer Leere irgendwie an den Schädel eines Parlamentariers? Reichstag


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